Busbehinderung
Morgens halb 11 in Barmbek. Ein Bus der Linie 172 hupt. Im Bus gut 30 Fahrgäste, die live miterleben, wie ein Lieferdienst gerade wieder irgendeine Warensendung zustellt. Dann kommt jemand angerannt – und setzt sein Fahrzeug hektisch zurück, denn Bus und Fahrzeug passen nicht nebeneinander. Zwei Minuten später geht es weiter.
Wenn das einmalig passiert, ist es zwar ärgerlich, aber auch nicht der Rede wert. Aber es passiert leider täglich. Mehrfach. Seit Jahren. Zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten. Gut, in den letzten Tagen etwas weniger, aber das hing nur mit dem Streik zusammen.
In besonders harten Fällen öffnet der Fahrer die Türen – und man sieht die Leute zu Fuß weiterlaufen.
Es sind aber nicht nur die Falschparker, viel häufiger ist es der Begegnungsverkehr.
Das Ganze nervt:
- für die Menschen, die hier wohnen – wegen der durchdringenden Bushupe (und ja, ich habe Verständnis, dass der Busfahrer sie benutzen müssen)
- für die Menschen, die mit dem Bus fahren (wollen), weil die Busse so Verspätungen einfahren und im schlimmsten Fall Haltestellen auslassen
- für die Busfahrer, da diese ständig vor der Entscheidung stehen, durch zu enge Lücken zu manövrieren oder eben zu warten
Und es ist auch gefährlich: wenn der Linienbus nicht passieren kann, so können es die Fahrzeuge der Feuerwehr ebenso nicht – im Falle eines Brandes.
(Für die Ortsunkundigen sei erwähnt: Da die Straßenquerschnitte beengt sind, fahren die Busse in Fahrtrichtung Nord in der Schumannstraße, in der Gegenrichtung durch die Bachstraße. Daher begegnen sich in diesem Abschnitt niemals zwei Busse)
In einer perfekt funktionierenden, smarten Stadt wäre das kein wirkliches Problem. Wenn mehrere Busse in einem Abschnitt blockiert werden, würde eine rote Lampe angehen. Die Verantwortlichen machen sich vor Ort ein Bild, tüfteln, setzen um und prüfen die Ergebnisse und steuern bei Bedarf nach. Man nennt das auch den Demingkreis (Alias PDCA). Dann wäre das Problem Geschichte. Die Leute würden nur die Maßnahmen mitbekommen – die natürlich auch nachvollziehbar dargestellt werden.
In einer einigermaßen funktionierenden Stadt würde sich erst auf Hinweis von Anwohnern oder Fahrgästen der Sache angenommen werden.
Und ihr ahnt, was nun kommt: in Hamburg juckt das keine Sau.
Die Polizei ist in Hamburg für Anordnung und Sanktionierung zuständig – und teilweise hat man das Gefühl, sie ist genauso überrascht über diese Aufgaben wie ich (in den anderen 15 Bundesländern gibt es dafür Ordnungsämter). Sie schreibt dann beispielweise:
Seitens der HVV gibt es dort keine schwerwiegenden Probleme.
Ein tagtäglich mehrfach blockierter Linienbus stellt kein schwerwiegendes Problem also dar. Also fragt man man den Verkehrsverbund, wie denn die Datenlage für diese Einschätzung aussieht:
Aufgrund des von Ihnen geschilderten Sachverhaltes haben wir es zur Bearbeitung an folgende Stelle weitergeleitet: Hochbahn.
Seitens der Hochbahn kam keine qualifizierte Antwort:
für die Überwachung und Einhaltung der StVO ist in Hamburg einzig und allein die Polizei zuständig.
Die weitere Kommunikation seitens der Hochbahn ist pampig:
wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, ist für die Einhaltung der StVO einzig und allein die Polizei und nicht die HOCHBAHN zuständig. Es gibt diverse nicht planbare Fälle, weshalb es im Busbetrieb zu Verspätungen kommen kann. Das sind, um nur einige wenige zu nennen: Erhöhtes Beförderungsaufkommen, Hilfe durch das Fahrpersonal (Rollstuhlfahrer etc.), erhöhtes Verkehrsaufkommen uvm..
Wir fassen also noch mal zusammen: Die Polizei referenziert auf eine Aussage des HVV – und weder Hochbahn noch HVV sind in der Lage, diese qualifiziert zu bestätigen und spielen den Ball zurück zur Polizei. Und ich weiß nicht, was hier schlimmer wiegt: dass die Aussage der Polizei nicht belegt werden kann – oder dass die Hochbahn offensichtlich keinen Plan über den Zustand ihrer Busse hatte – und deshalb so pampig antwortet.
Und ja, es gibt immer unplanbares – aber es sollte im Interesse eines Verkehrsunternehmens sein, dass solche Störungen eben auch erkannt und beseitigt werden.
Aus anderen Quellen erfuhr ich, dass diese Linie der Hochbahn sehr wohl ein Problem ist – und Busfahrer diese Linie bereits hassen.
Im weiteren Verlauf dieser Nichtzuständigkeit gab ich das Problem an die örtliche Presse und an den Regionalausschuss. Es gab eine kurze Zeitungsnotiz – und ich wurde Anfang 2023 in den Regionalausschuss geladen. Dort stellte es die Polizei als ein Interesse eines Einzelnen dar. Das ist sehr unschön, weil es eigentlich keine Sache sein sollte, wie viele auf ein Problem hinweisen – zudem waren auch weitere Gäste im Ausschuss präsent. Aber es ist natürlich einfach, damit das eigene Nichthandeln zu rechtfertigen.
Eine von den Grünen signalisierte, dass sie das Problem kenne und verfolgen würde. Die weitere Kommunikation war dürftig, es passierte nichts – nun sitzt Simone Dornia für die Grünen in der Bürgerschaft.
Zwischenzeitlich reichte die Voltfraktion eine Anfrage ein, aber das Bezirksamt hat offensichtlich gar keinen Plan bzgl. Störungen, kennt noch nicht einmal die getätigte Eingabe dazu. Und aufbauend darauf einen Antrag.
Die Idee ist, dass man die beiden Straßen entsprechend der Linienverläufe der Busse zu Einbahnstraßen erklärt. Und im Bereich der Post in der Beethovenstraße eine Ladezone errichten könnte. Zudem sollte die Polizei auch häufiger kontrollieren und sanktionieren.
Der Antrag wurde am 16.03.2026 behandelt – und von der Koalition abgelehnt. Das ist in Hamburg-Nord nichts besonderes, eher übliche Praxis. Gern verbunden mit dem Ansinnen, eine eigene Fassung einzureichen. In diesem Falle schien man keinen Handlungsraum zu sehen:
- die FDP sagte gar nichts.
- die SPD verwies auf kleinere ohnehin geplante Maßnahmen in der Umgebung, die aber allesamt keine wirkliche Auswirkung auf dieses Problem haben.
- die CDU leugnete das Problem – und meinte echt, die Busse seien ja immer pünktlich und wenn nicht, dann ist es ja auch nicht so schlimm.
Nun kann man über die vorgeschlagene Lösung natürlich auch verschiedener Meinung sein. Der Gedanke hier war, dass mit möglichst einfachen Mitteln zu realisieren. Es müssten nur Schilder angebracht werden. Und man würde keinen PKW-Stellplatz opfern. Nicht dass mir das besonders wichtig ist, es gibt ohnehin schon zu viele. Aber es ist gemeinhin bekannt, dass das derzeitig wichtigste politische Ziel, mit dem die SPD die Grünen über den Tisch gezogen hat, das Parkplatzmoratorium ist. In soweit sollte der Vorschlag dem SPD-Fetisch Rechnung tragen.
Es ist bekannt, dass eine Kritik bei Einbahnstraßen ist, dass Leute schneller sie durchfahren, weil ja mit keinem Gegenverkehr zu rechnen ist. Was auch nachvollziehbar ist, wenn die Autos sich um den Bus jonglieren. Es ist also auch eine Frage der Abwägung.
Witzigerweise träumt der Senat gleichzeitig in der Strategie Mobilitätswende, dass in vier Jahren nur noch 20% der Wege mit einem PKW zurückgelegt werden. Doch wie soll das gelingen, wenn noch nicht einmal der Busverkehr zuverlässig läuft? Und wie soll das klappen, wenn bei solch trivialen Problemen die Mehrheit im Bezirk den Kopf in den Sand steckt. Oder um es in der Sprache der örtlichen CDU zu sagen:
Wer echte Lösungen will, muss mitarbeiten.
Und diese CDU sich nicht einmal für ihr eigenes Geschreibsel interessiert.
Und während ich diese Zeilen schrieb, blinkte und leuchtete es da draußen auf der Straße. Dieses Mal erwischte der Busfahrer beim Ausweichen einen parkenden PKW. Mir tut es sowohl um den Fahrer leid, wie auch im die Fahrgäste. Nun waren vier, fünf Polizisten und die Leitstelle der Hochbahn damit beschäftigt, den Bus wider heraus zu manövrieren.
Ich sprach dann auch mit einem Polizisten – und fragte ihn, ob den das geschädigte Fahrzeug ebenso ein Vergehen begangen hat. Dem Polizisten war die Anordnung des Zeichen 74 (ein Streifen auf der Fahrbahn) nicht geläufig. Ich zeigte ihm das anordnende Zeichen für das Parken. Das war aber zugestellt durch ein Klohäuschen.
Nun könnte man das zugestellte Klohäuschen zugunsten des grenzwertig parkenden Fahrzeugs rechnen. Aber konsequenterweise hätte man dann das Klohäuschen versetzen müssen. In einer funktionierenden Stadt zumindest. Aber ihr ahnt es: das interessiert in Hamburg keine Sau.
Anmerkung: Als Volt Fraktion Hamburg wurde eine Pressemitteilung veröffentlicht., in der ich Zitate zugesteuert habe. Daraufhin berichtete das Abendblatt in einem größeren Artikel, in dem ich auch zitiert werde.
Ebenso kommt Saskia Huhsfeldt, Sprecherin der Hochbahn, zu Wort:
Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand handelt es sich dabei jedoch nicht um ein dauerhaftes oder strukturelles Problem. Gravierende Verspätungen unserer Buslinien verzeichnen wir nicht.
Das Traurige an Hamburg ist: es interessiert nicht einmal die Hochbahn. Oder schlimmer noch: die Hochbahn hat keinen Plan.
Siehe auch meine Tirade zum Hamburger Nahverkehr.


