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Hamburg

Das Moosbiotop vom Eulenkamp

Es gibt Orte, an denen die Zeit stehen bleibt. Und dann gibt es Orte wie den Eulenkamp 48, an denen die Zeit nicht nur stehen bleibt, sondern langsam Moos ansetzt, zum Biotop wird und neues Leben erwacht.

Seit Monaten steht hier ein Auto, das längst keines mehr ist. Ein lebloser Rest — ein verrottendes Wrack, das sich tief auf die Pflastersteine drückt, als wolle es sagen: Ich bin gekommen, um zu bleiben.

Die Windschutzscheibe ist blind vor Schmutz, der Motorraum vollgestopft mit Laub, die Karosserie von einem grünen Film überzogen, als wäre das Fahrzeug Teil eines Kunstprojekts zum Thema „Urbaner Verfall“. Doch es ist kein Kunstwerk. Es ist einfach nur verlassen.

Und die Nachbarschaft fragt sich: Wie kann es sein, dass dieser Schrotthaufen seit mehr als einem Jahr unberührt bleibt, obwohl jeder sieht, dass es nicht mehr fahrtüchtig ist?

Es hängt ein warnend orangener Zettel an der Scheibe der Fahrertür. Eine „Verfügung“, ausgestellt vom Bezirksamt Wandsbek – das hier allerdings gar nicht zuständig ist. Und als wäre das nicht schon grotesk genug, fehlt auf dieser Verfügung sogar die Frist, bis zu der das Auto zu beseitigen ist. Doch so eine Anordnung ohne Datum ist leider nichts wert.

Zuständig ist das Bezirksamt Nord – auch wenn die Bezirksgrenze zwischen Auto und der direkt dahinter liegenden Häuserzeile verläuft. Doch dort blieb man auch nach Anfrage untätig.

Und so wurde das Thema nun in den Regionalausschuss für den Süden von Nord von Volt mittels Antrag gebracht. Mit nüchterner Erkenntnis. Es wurde seitens des Regionalkoordinators dargestellt, dass das Auto da stehenbleiben darf. Auch wenn das vordere Nummernschild fehlt und der TÜV abgelaufen ist. Offiziell ist es gemeldet.

Und jemand bemängelte, dass man das ja anstelle eines Antrages ja auch den Hamburger Meldemichel befüllen können. Und tatsächlich hatten das die Anwohner auch zuvor getan. Die Anwohner, die in den Gebäuden auf der anderen Seite der Bezirksgrenze in Wandsbek wohnten. Weshalb das Bezirksamt Wandsbek auch den Weg in den Eulenkamp genommen hat. Genaugenommen haben die Anwohner einen Zuständigkeits-Bug im Meldemichel ausgelöst: wenn Haus und Straße einer konkreten Adresse nicht im selben Bezirk liegen.

Aber zurück zum Moosbiotop: das bleibt auf seinen Platz und blockiert. Die Leute freuen sich bestimmt weiterhin über diese Begrünung – und vielleicht blühen ja doch bald seltene Moose.

Die örtliche CDU war jedenfalls nur mäßig begeistert, dass ein solches Kuriosum publik gemacht wird und das in dem Zusammenhang vorgeschlagen wird, anstelle von Schrott lieber Stellplätze für 8 Fahrzeuge zu schaffen, die eben kein Auto sind. Und auch die SPD, die sich sonst an jeden einzelnen Parkplatz kettet, zeigte sich wenig beeindruckt, wenn so ein Parkplatz durch Schrott den Leuten für lange Zeit weggenommen wird. Parkplatz ist schließlich Parkplatz.

Aber was ist nun Phase? Die Stadt Hamburg selbst schreibt eindeutig

Wenn ein nicht mehr zugelassenes oder nicht mehr fahrtüchtiges Fahrzeug auf öffentlichem Grund abgestellt wurde, können Sie dies der zuständigen Behörde melden.

Es wurde geprüft, die Zulassung liegt noch vor. Es hat auch hinten noch ein Nummernschild. Aber was ist fahrtüchtig? Die Gesetzeslage scheint dagegen nicht eindeutig zu sein. Und offensichtlich haben das die Wandsbeker wohl anders ausgelegt wie die in Nord. In der Debatte wurde noch eingebracht, dass das Fahrzeug ja auch wieder fahrtüchtig gemacht werden kann. Im besten Fall durch Abscheuern des Mooses, im schlimmsten Fall mit Chemie. Auch das Verkehrsportal macht dazu nicht besonders viel Hoffnung.

Würde jetzt eine akute Gefahr von dem Fahrzeug ausgehen (bspw. wenn das Fahrzeug Öl verliert), wäre eine Handhabung sehr schnell möglich. Es könnte ein temporäres Halteverbot eingerichtet werden (z.B. wegen Umzug). Es könnte (und das ist kein Aufruf) ggf. auch Vandalismus hier helfen.

Politisch zeigt dieser Fall, dass es Nachbesserungsbedarf in unseren Gesetzen gibt, damit für solche Fälle klare Handhabungen gibt:

  • Wenn nicht eindeutig geklärt wird, was Fahrtüchtigkeit ist: mit dem orange Zettel sollte die Behörde es anzweifeln können und mit der Fristsetzung dem Eigentümer die Gelegenheit geben, Einspruch einzulegen – oder eben die Fahrtüchtigkeit zu beweisen.
  • Einführung regelmäßiger Halteverbotszeiten. In anderen Gebieten gibt es feste Zeiten in der Woche (z.B. Mittwochs 12-14 Uhr), in denen nicht geparkt werden darf. Dann wäre in diesem Zeitfenster ein Abschleppen möglich. Dann würden auch die Straßen sauberer aussehen, weil die Straßenreinigung nicht um alle Autos herum reinigt.

Anmerkung: Diese Fragestellung gibt es auch bei Schrott-Fahrrädern. Der Vorteil ist nur: da kann man die Fahrtüchtigkeit besser beurteilen.

(Kein) Mobilitätskonzept für Olympia

Ich finde die Idee gut, Olympia vor allem als Sportevent zu sehen und nicht als Stadtsanierungsprogramm. Und auch nicht als Maßnahme des Stadtmarketings. Daher bevorzuge ich ein dezentrales Olympia, so dass sich Wettkampfstätten über ein größeres Areal verteilen und die örtlichen Auswirkungen geringer ausfallen. Das sieht die Stadt Hamburg aber anders – und forciert alles auf die Stadt. Und nur wenige Sportarten sollen im Umland bzw. in Kiel stattfinden.

Die Vorstellungen, wie eine Eröffnungszeremonie aussehen könnte, sind ja sehr weit fortgeschritten. Es gibt Visualisierungen, was alles in die Binnenalster gebaut werden soll. Und wer kennt das nicht? Ihr plant eine Geburtstagsfeier und die Einladungskarte ist schon richtig schick gestaltet, da wisst ihr noch lange nicht, wann und wie und ob ihr überhaupt feiert. Sehr menschlich. Aber auf der politischen Bühne habe ich andere Prioritäten.

Und wenn Olympia so zentralisiert durchgeführt werden soll, dann muss man sich auch über die Spielstätten Gedanken machen. Und dazu gibt es das Konzept Mobilität (Leider liegt das Dokument ausgelagert bei Amazon).

Hier muss man zunächst feststellen, dass Hamburg verkehrsmäßig nicht gut ausgestattet ist. Der öffentliche Nahverkehr ist mau, die Radinfrastruktur lässt deutlich zu wünschen übrig, die Fußwege sind unter aller Kanone – und auch der Straßenverkehr hat viele Nadelöhre. Hamburg hat also auch ohne Olympia schon Hausaufgaben, die es nicht gebacken bekommt. Und rechnet man Spitzentag mit 790.000 zusätzlichen Menschen, also ein plus von 40% gegenüber den Bewohnern der Stadt. Diese Menschen wollen also auch durch die Stadt und überwiegend zu den Spielstätten und dem Olympischen Dorf.

ÖPNV

Im Bereich Betrieb und Angebot sind Taktverdichtungen bestehender Linien vorgesehen, beispielsweise bei U-Bahn, S-Bahnen und Bussen je nach Auslastung. Dies umfasst beispielsweise die Linien U2 (vier Züge statt drei Züge in 10 Minuten), oder die Linie X22 (alle 5 Minuten statt alle 10 Minuten).

Mehr als eine Taktverdichtung soll es also nicht geben. Im weiteren Abschnitt werden noch neue Buslinien angedeutet. Keine Infrastuktur. Keine Straßenbahn. Keine wirkliche Änderung. Auch keine zusätzlichen Bahnsteige (der Bahnhof Berlin-Olympiastadion hat zum Vergleich 10 Gleise – auch um bei Ende der Spiele genug Kapazität zu haben)

Zur Entlastung der S-Bahn zwischen Hauptbahnhof und Harburg wird eine zusätzliche Fährverbindung zwischen Landungsbrücken und dem Harburger Binnenhafen im Zuge der weiteren Erarbeitung des Verkehrskonzeptes für die Spiele geprüft.

Es gibt keine Sportstätte in Harburg. Aber die Idee ist alt, die hatte ich schon im piratigen ÖPNV-Konzept. Aber ohne sinnvollere Anbindung in Harburg wird so eine Idee auch verpuffen.

Im Bereich Infrastrukturen ist der Ausbau mit der Einrichtung zusätzlicher, dauerhafter Zugänge bei S-Bahn, Regional- und Fernverkehr vorgesehen.

Es wird also keine einzige neue Strecke geben: es wird nur weitere, ohnehin nötige Zugänge geben. Juhu! Bzw. später stellen sie auch dar, dass nur das kommt, was ohnehin schon geplant ist mit U5 und S6. Ich lese gar nichts neues heraus.

Dazu zählen einfach umsetzbare Maßnahmen wie die Verbesserung der Beschilderung und der Wegebeziehungen

Wir brauchen Olympia, um ein paar Schilder anzuschrauben. Hilfe!

Im Bereich Kommunikation liegt der Fokus auf Fahrgastlenkung durch Informationsangebote im Zwei-Sinne-Prinzip, um Menschen mit Beeinträchtigungen sicher durch die Stadt zu lenken.

Was hindert – außer unsere SPD – die Stadt daran, so etwas den Menschen dauerhaft von sich aus anzubieten? Egal, ob Olympia kommt.

Auf der Webseite, sorry, da musste ich mit den Hamburger teilerhöhten Bahnsteigen als Barrierefallen echt lachen:

Hamburg wird zur barriereärmsten Metropole Deutschlands

Und auch ganz toll:

96% der Sportstätten sind in unter 15 Minuten zu Fuß von der nächsten Bahnstation erreichbar, bei den Paralympics 100%

Also eine Entfernung von ca. 1 Kilometer Distanz gilt praktisch als unerschlossen im städtischen Gebiet.

Radverkehr

Schauen wir uns den Radverkehr an. Hier verspricht man “120 Kilometer qualifizierte Radverkehrsanlagen im Radrouten-Standard”. Ja, qualifiziert im aktuellen Wording. Davon 24km außerhalb der Stadt. 21km sind eh schon in Arbeit. 66km möchte man neu priorisieren. Und weitere 10km auch unter einem Mindeststandard realisieren. Und wenn dann die Mehrheit im Bezirk Nord das Bezirksamt unfähig sieht, eine Radroute nach Norderstedt zu planen, dann wird das vielleicht auch nicht.

Dafür bekommen wir 20.000 Fahrradbügel und weitere Leihräder.

Im Überschriftskapitel wird noch eine “Premium-Bike-Lane” zwischen den beiden Clustern kommen. Ich habe aber keine Ahnung, wo sich eine Premium-Bike-Lane von einem Radrouten- und Radrouten-Plus-Standard unterscheidet. Aber die ist so Premium, dass man sie im Kapitel für Radverkehr schlicht vergessen hat. Könnte also auch sein, dass wir Olympia bekommen und dann vergisst sie auch Hamburg.

Fußverkehr

Und die Fußwege sollen barrierefrei werden – etwas, wo Hamburg sehr große Defizite aufweist, soll mit Olympia dann kommen. Wahnsinn.

Fernverkehr

Die Kapitel des Fernverkehrs sind noch nichtssagender:

Der öffentliche Personennahverkehr und der öffentliche Fernverkehr auf Schiene und
Straße spielen eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung der entstehenden
Verkehrsnachfrage im Sinne einer nachhaltigen und stadtverträglichen Mobilität
während Großveranstaltungen wie den Olympischen und Paralympischen Spielen.

Allein bei dem Satz dürfte man eine Zeile im Bullshit-Bingo voll haben. Fakt ist: wir haben einen Hauptbahnhof, der seit 2010 chronisch überlastet ist. In den 16 Jahren hat es weder die Landesregierung noch die Bahn geschafft, überhaupt eine Idee zu haben, wie man dieses Problem lösen kann. Und nur das Gleis 9 allein wird es nicht lösen. Und nun sollen noch die Olympiagäste auf diesen Bahnhof umsteigen? Das Problem des Bahnhofes wird mit keiner Silbe gewürdigt.

Und beim Flugverkehr will man auch auf Hannover, Bremen und Lübeck ausweichen – sprich: diese Flugtouristen kommen dann auch über den Hauptbahnhof in die Stadt.

Aber wir können uns alle entspannen: am Nachtflugverbot des Flughafens braucht man wohl nicht zu rütteln.

Fazit

Zusammenfassend habe ich nicht die leisesten Hauch einer Ahnung, dass man mit diesen Überlegungen Olympia ernsthaft meistern kann. Vielleicht tue ich dem Konzept in dieser frühen Phase unrecht. Es wird von Visualisierungsmodellen gesprochen, die aber nicht im Konzept sich finden lassen (Ich habe nachgefragt, ich aktualisiere bei Antwort)

Stattdessen werden diese überschaubaren Maßnahmen gelistet, die sich alle so lesen, als müsse man genau das, was die SPD derzeit tut, einfach nur bestätigen. Damit sie genau das fortsetzen kann, was sie bisher ohnehin schon getan hat: Schmalspurigkeit. Und Hoffnung.