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Hamburg ist nicht reif für Olympia

Am 31.05. findet in Hamburg der Entscheid über die Bewerbung der Olympischen Spiele für Hamburg statt. Nachdem ich mir die Konzepte und vor allem die Abstimmungsbroschüre gelesen habe, werde ich mit Nein stimmen.

Ich finde olympische Spiele gut und wichtig, trotz aller berechtigter Kritik am fragwürdigen IOC. Und ich würde es begrüßen, wenn auch solch ein Großereignis in Deutschland wieder stattfinden könnte. Oder noch besser: grenzübergreifend, bspw. im Ostseeraum. Da bereits Berlin und München olympische Spiele ausgetragen haben, wäre es durchaus in Ordnung, wenn eine dritte Stadt in diesen Rang käme.

Das derzeitige Konzept ist singulär auf die Stadt fokussiert – und preist an, dass all die Sportstätten innerhalb eines sehr kleines Radius stattfinden soll. Und da fehlt mir ehrlich gesagt die Vorstellung, dass das gut gehen kann.

Über das mangelhafte Mobiltitätskonzept schrieb ich bereits. Wenn Spiele so konzentriert stattfinden, müssen auch die massiven Besucherströme gelenkt werden. Und ja, ich toleriere es, wenn es dann Chaos gibt oder ich Einschränkungen erleide. Das ist es mir wert, damit Leute untereinander ausfechten, wer den Sperr am weitesten werfen kann.

Aber eine Stadt, die schon im Alltag im Chaos versinkt, weil Busse nicht zuverlässig fahren, der Hauptbahnhof aus dem letzten Loch pfeift und die Autobahnen über die Elbe tagtäglich verstaut und verstopft sind, hat gar keine Chance, so ein Event sinnvoll durchzuführen. Und wenn die Stadt es noch nicht einmal schafft, diese Probleme und Herausforderungen klar zu adressieren, dann erwarte ich auch nicht, dass sie diese auch lösen kann. Da hat Berlin und auch München eine andere Ausgangsgrundlage.

Ich nehme nun die Abstimmungsbroschüre zur Hand – auf der Suche nach Argumenten. Überzeugende wie belastende. Ich beginne allerdings mit dem Senat, die Parteien der Bürgerschaft kommen ans andere.

Senat

Der Senat als massiver Puscher sollte am überzeugendsten sein. Das gelingt ihm leider nicht.

Wenn Hamburg Nein sagt, finden die Spiele woanders in Deutschland statt – zum Beispiel in München, wo bereits eine hohe Zustimmung der Bevölkerung vorliegt. Konsequenz für Hamburg: nicht wir würden die internationale Aufmerksamkeit, die finanzielle Unterstützung des Bundes und den Rückenwind für unsere Entwicklung erhalten, sondern andere Städte

Das müsst ihr anders verkaufen: Wollt ihr wirklich, dass Söder zu den Eröffnungsspielen ein Bierfass anschlägt?

Olympia sollte primär für den Sport sein. Dass es Aufmerksamkeit nach sich zieht, ist eher Folge als Ziel. Ebenso dass es finanzielle Unterstützung benötigt. Dass man damit auch den einen oder anderen Vorteil der Stadtentwicklung hat, auch. Aber das sind Begleiterscheinungen. Nicht der eigentliche Grund.

Das Mietniveau soll durch Olympia nicht steigen.

Natürlich sollten die Mieten nicht wegen Olympia steigen. Und das Argumb steigen.

Vielmehr entsteht in Hamburg-Bahrenfeld mit der ohnehin geplanten Science City aus städtischen Grund das olympische Dorf und danach ein bezahlbares Wohnquartiere für ca. 8.000 Menschen

Das Olympische Dorf entsteht da, wo die S6 nach aktueller Prognose ca. 10 Jahre nach Olympia kommen könnte. Oder auch nicht, falls die U5 nach Osdorfer Born kommt. Dann wäre klassische SPD-Sozialwohnungspolitik: baue Sozialwohnungen da, wo es keine Schienenanbindung gibt. Oder wie in Osdorfer Born: erst 50 Jahre später.

Und ich musste da erst in dieses Gebiet hin und es machte keinen Spaß. Die Buslinien 2 und 3 haben einen echt guten Takt, keine Frage. Aber so verstaut wie die Strecke ist, gondelt man da endlos.

Hamburg wird zur barriereärmsten Stadt. Wir wollen mehr Sichtbarkeit, Teilhabe und Anerkennung für Menschen mit Behinderung. Dabei ist Barrierefreiheit unser Ziel: in Verkehr, Sportstätten, öffentlichen Raum und Kommunikation.

Ich habe hier im Browser eine Abstimmungsbroschüre offen, in der sämtliche Texte als Bild hinterlegt sind (und vor allem noch so, dass die Bildgrenzen die Texte zerschneiden. Menschen, die auf Vorlesen angewiesen sind, können nicht mal die Bilder mittels OCR vernünftig interpretieren. Sowas Beklopptes habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Aber auch im Verkehr haben wir heute unheimlich viele Defizite. Wir haben teilerhöhte U-Bahnsteige als Barrierefalle, unsere Gehwege sind die reinste Tortur. Aber wenn Olympia kommt, bekommt das die Stadt plötzlich alles in den Griff? Das glaubt doch unsere SPD selbst nicht.

Für unsere Kinder [..]: Alle Kinder sollen beim Verlassen der Grundschule sicher schwimmen können.

Warum ist dieses Argument wichtig zu erwähnen? Es gibt diesen Schwimmunterricht bereits. Was soll dann anders werden? Nur weil ein paar Schwimmer dann um die Wette in dieser Stadt schwimmen, imitieren das plötzlich alle unserer Kinder? Also was geht da im Kopf des Senats vor?

Gibt es Verkehrschaos? – Nein.

Da musste ich lachen. Man könnte eher sagen: Hamburg braucht kein Olympia für Verkehrschaos.

Die Maßnahmen – z.B. die Modernisierung und Vergrößerung des Hauptbahnhofs – kommen schneller.

Ich lese im Mobilitätskonzept nichts von einer Vergrößerung des Hauptbahnhofs. Es gibt bei der Fortschreibung des Mobilitätskonzeptes die Idee einer Bussteighalte im Süden. Aber wir brauchen vor allem erst mal mehr Gleise. Ich lese noch nicht einmal etwas von der Debatte um Gleis 9. Was viel mehr brächte: Dezentralisierung und Verteilung. Es ist kein Naturgesetz, einen Single Point of Failure im Zentrum einer Millionenstadt zu haben.

Sprich: da muss man erst mal richtig Hirnschmalz reinstecken. Der Bahnhof gilt seit 2010 als überlasteter Schienenweg – und in den 16 Jahren hat weder die Bahn, noch unser Senat eine Lösung und doktert an Nebenbaustellen herum.

Aber wenn Olympia kommt, geht plötzlich alles? Also sorry: etwas mehr Realitätssinn darf ich schon erwarten.

Zusammenfassend kann der Senat nicht punkten, weil er es noch nicht einmal schafft, die wunden Punkte anzusprechen.

Nolympia

Es gibt eine Initiative “Nolympia”, die traditionell gegen Spiele ist. Wobei mir beim Lesen nicht klar ist, ob sie die olympische Idee oder konkret Olympia in Hamburg ablehnen. Falls letzteres wäre doch das Top-Argument “München” gewesen.

Nicht noch mehr Druck auf die Mieten. Dringender Wohnungsbau wird ohne Olympia leichter möglich und nicht zusätzlich verteuert.

Mal mit Ausnahme des Gebietes des olympischen Dorfes sehe ich diese Bremse beim Bau nicht. Und wie schon beim Kommentar zum Senat erklärt: Hamburg braucht Olympia nicht für Mietsteigerungen, das schafft unsere SPD-Politik auch ohne. Und wenn ihr mir nicht klappt: das haben sie auch schon seit dem 2015er-Olympia-Entscheid geschafft.

Kein Verkehrschaos durch Olympiaspuren, Olympiaflüge und zusätzliche ÖPNV-Verstopfung.

Auch hier brauchen wir Olympia nicht für Verkehrschaos. Und wie ich schon schrieb: wenn ich weiß, dass es für ein gewisses Großevent etwas turbulenter ist, dann kann ich mich drauf einstellen und das tolerieren.

Etwas unfair ist das Argument der Olympiaspuren: es ist ja ein Versuch, dass irgendwie zu steuern. Und ohne dürfte es noch schwieriger sein.

Bei den Olympiaflügen schwingt die Nachhaltigkeit mit. Aber da muss man auch nüchtern sehen: findet Olympia woanders statt, wird ja trotzdem geflogen.

Keine [..] Einwegsportstätten

Für dieses Argument fehlt mir der Hintergrund. Hier beteuert ja der Senat, dass die Sportstätten auch in weiterer Nutzung bleiben.

keine zusätzlichen Flächenversiegelungen und Ressourcenverbrauch durch temporäre Bauten

Temporäre Bauten abzulehnen ist das eine, aber der Flächenverbrauch ist dann kein valides Argument mehr. Denn eine temporäre Baute versiegelt ja nicht permanent. Da kommt nur der Nachhaltigkeitsaspekt ins Spiel.

Sicherlich kann man über diese Bauten in der Alster debattieren, ob das so sein muss. Aber dann eben nicht wegen Versiegelung, sondern weil genau das nicht nachhaltig ist.

SPD + Grüne

Die Fraktionen der Bürgerschaft nehmen ebenso Stellung. Und in Hamburg zum Glück getrennt.

100 Mio Euro Mehreinnahmen werden erwartet

Auf einer Blase auf Seite 3 wird mit diese Zahl eindrucksvoll präsentiert. Die Zahl erklärt sie nicht, aber der Senat rechnet mit 4,9 Mrd Einnahmen bei 4,8 Mr. Ausgaben. Die Gegner zweifeln an, ob diese Zahlen nicht schön gerechnet sind. Und den Zweifel hege ich auch.

Gewöhnlich kostet Olympia ne Stange Geld und auch mehr als man einnimmt. Und ich will nicht falsch verstanden werden: wenn das für Sport und Internationalen Austausch drauf geht, bin ich damit auch fein damit. Wir machen doch Olympia nicht zur Geldeinnahme.

Auf der Blase daneben steht, dass 76% der Sportstätten bereits stehen oder geplant seien, zudem wird immer wieder von Nachhaltigkeit gefaselt. Also es könnte gemeint sein, dass die Stadt die Chance sieht, das wenige was also ohnehin geschaffen wird, sich darüber refinanzieren zu lassen.

alle Sportstädten sind in weniger als 15 Gehminuten vom ÖPNV erreichbar

Je nach Geschwindigkeit sind das ca. 1 Kilometer. Das gilt im städtischen schon als unerschlossenes Gebiet. Damit wird also geworben.

(Da hätte ich lieber noch etwas Hirnschmalz reingesteckt, noch ein, zwei Buslinien im traditionellen Hamburger Zick-Zack-Linienlauf geplant und den Wert auf 500 Meter gedrückt)

JA zu mehr Inklusion – barriereärmste Metropole Deutschlands

Hier lag ich vor Lachen unterm Tisch. Siehe beim Senat.

JA zu moderner Mobilität

Es wird U5 und S6 geworben. Wenn die U5 planmäßig kommt, also keine weiteren Verzögerungen erfährt, dürfte sie mit dem Ende der Spiele fertig sein. Die S6 könnte 2050 stehen. Wenn überhaupt.

Von einer Straßenbahn lese ich auch nichts,

. In der Fortschreibung des Mobilitätskonzeptes wollen sie Idee eines Hyperloops nach Kiel prüfen.

Es geht nicht nur um ein Sportereignis. Es geht um unsere Stadt.

Schöner kann man nicht zusammenfassend, warum unsere Koalition keine Argumente für Olympia hat.

CDU

Beschleunigte Stadtentwicklung: Zusätzliche Investitionen in dringend notwendige Infrastruktur, den Ausbau des ÖPNV und neue bezahlbare Wohnungen

Die CDU bekommt in Nord sich nicht einmal dazu durchgerungen, gegen Busbehinderungen aufzustehen. Und dann betonen sie noch mal den ÖPNV. Aber was nun die “beschleunigte Stadtentwicklung” bedeutet – ich weiß es nicht.

Ganz Hamburg wird für Olympia barrierefrei ausgebaut

Also Dinge, die eigentlich eine moderne Stadt ohnehin erfüllen muss, soll nun erst mit Olympia kommen. Ich formuliere es mal so: meint man das ernst, werden die nächsten 10 Jahre die Stadt das reinste Chaos sein – soviel wie man da nachrüsten und ausbessern muss. Es müsste jeder zweite Gehweg aufgerissen werden.

Linke

ein milliardenschweres Kom-
merz-Spektakel

Ich gehe davon aus, dass die Silbentrennung kein Zufall war.

dafür bekommen wir alle steigende Mieten – eine Begleiterscheinung Olympischer Spiele

Ich habe das Argument schon häufig gelesen, gerade im Kontext zu Barcelona. Man muss sich aber immer fragen: passiert das durch Olympia – oder würde es ohne Olympia nicht genauso passieren. Die Debatte hatten wir schon 2015. Und ich hatte Recht: wir hatten kein Olympia und die Mietpreise haben noch mal Schub erfahren.

Und das Finanzkonzept des Senats? Ist unseriös, denn Milliardenkosten etwa für den Sicherheit und den Stadionneubau wurden einfach weggelassen. Doch selbst wenn Olympia “nur” 6 Milliarden kosten würden – was könnte man mit einer solchen Summe in unserer Stadt alles anfangen: 800 Sporthallen oder 20.000 Wohnungen bauen?

Also wird es wohl schwer werden mit den 100 Mio zusätzliche Einnahmen. Aber in der Tat ist das Argument erst einmal nicht von der Hand zu weisen. Aber wie schon geschrieben: es darf auch gerne was kosten…

Fazit

Wie ich eingangs schon darstellte, bin ich grundsätzlichen offen eingestellt und hätte Dezentralisierung als starkes Zeichen gesehen. Der Senat versucht alles auf einen Punkt zu platzieren. Aber dafür ist mir das doch zu dünn und die heute schon bestehenden Probleme, gerade Logistik, zu schwach.

Bisherige Kommentare (1)

Kommentar von René

Die Handelskammer Hamburg missbraucht wieder ihre Zwangsmitglieder mit allgemeinpolitischen Statements, zu der sie gemäß §1 IHKG kein Mandat hat. Und selbst wenn sie es hätte, müsste sie gesetzlich auf Minderheitenmeinungen ihrer Mitglieder hinweisen.

In dem Statement listen sie eine Reihe weiterer Kammern auf, die i.d.R. ebenso kein Mandat haben. Das ist die Idee der rechtlichen Sonderstellung mit Zwangsmitgliedern. Wer sich allgemeinpolitisch äußern will, sollte das in einer Partei, Verein oder Verband tun. Die Kammer ist keine Ersatz-FDP.

Ferner beteiligt sich die Kammer über ihre HKS Handelskammer Hamburg Service mit 1,34 Mio Eur an den Bewerbungsaktivitäten. Ich fragte die Handelskammer am 27.02.2026, “ob das Geld wieder von den Zwangsmitgliedern verwendet wurde – oder ob dies getrennt wurde (bspw. durch Spenden für diesen Zweck).”. Auf erneute Nachfrage wurde mitgeteilt, dass die “Handelskammer klar getrennt davon eine Plattform zur Verfügung, um Sponsoringgelder (zur Unterstützung der Olympiakampagne) aus der Hamburger Wirtschaft zu bündeln und zum Beispiel für die Shows zur Verfügung zu stellen.”

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